
Manchmal halte ich inne und frage mich:
Was ist mit uns geschehen? Was ist mit der Menschlichkeit passiert?
Es ist, als wäre die Welt nach 2020 nicht nur im Kalender ein paar Jahre weitergegangen, sondern als wäre auch die Menschheit an einen anderen Ort abgedriftet. Unser Vertrauen wurde erschüttert, unser Glaube aneinander beschädigt, unser Blick auf andere Menschen hat sich verändert. In vielen Augen ist die Wärme von früher einer Mischung aus Misstrauen, Angst, Wut und Erschöpfung gewichen.
Wir haben verlernt, einander zu glauben.
Wir haben verlernt, einander zu vertrauen.
Und noch schlimmer: Manche von uns haben vergessen, was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein.
Der Tod ist alltäglicher geworden.
Und besonders erschütternd sind die vielen jungen Menschen, die viel zu früh gehen.
Menschen, die noch mitten im Leben standen, verschwinden plötzlich aus unserer Mitte. Menschen, mit denen wir gestern noch gesprochen, gelacht und Pläne für morgen gemacht haben. Für einige Tage sind wir erschüttert, dann zieht uns der gnadenlose Alltag weiter.
Fast so, als würde selbst der Tod uns nicht mehr so erschrecken wie früher.
Kriege, Hinrichtungen, der Tod unschuldiger Menschen, Kinder, die mit Angst aufwachsen, Mütter, die um ihre Kinder weinen …
In einer Region fallen Bomben, anderswo sterben Menschen an Hunger. In einem anderen Land werden Frauen ermordet, Kinder misshandelt und alte Menschen der Einsamkeit überlassen.
Und dann sind da noch die Tiere.
Was ihnen angetan wird, ist eine weitere tiefe Wunde im Gewissen der Menschheit.
Massentötungen, Vergiftungen, Misshandlungen, Tiere, die Hunger und Durst überlassen werden, Tausende Lebewesen, die von den Straßen eingesammelt und an unbekannte Orte gebracht werden …
Wie dunkel muss ein Mensch innerlich geworden sein, um in die vor Angst zitternden Augen eines Tieres zu sehen und ihm trotzdem Leid zuzufügen?
Seit wann diskutieren wir darüber, ob ein Hund überhaupt ein Recht auf Leben hat?
Seit wann ist es normal geworden, die Schreie eines leidenden Tieres einfach zu überhören?
Heute scheint es manchmal, als würden manche Länder, manche Regierungen und sogar Teile unserer Gesellschaft ihre Stärke nicht mehr aus Mitgefühl, sondern aus Härte und Gewalt ziehen.
Die Welt ist rauer geworden.
Die Worte sind härter geworden.
Die Herzen sind härter geworden.
Die Menschen haben immer weniger Geduld miteinander.
In den sozialen Medien beschimpfen wir Menschen, die wir gar nicht kennen. Wir urteilen über ein ganzes Leben anhand weniger Sätze. Statt den Schmerz eines anderen verstehen zu wollen, suchen wir sofort nach Schuldigen.
Mitgefühl wurde durch Wut ersetzt, Zusammenhalt durch Eigennutz und Freundschaft manchmal durch Berechnung.
Und mitten in all dem stehen wir selbst.
Wir haben uns immer weiter von dem entfernt, was wir einmal waren.
Früher konnten wir uns über kleine Dinge freuen.
Gemeinsam an einem Tisch sitzen. Lange Gespräche führen. Beim Nachbarn anklopfen. Das Lachen von Kindern auf der Straße hören. Mit Freunden eine Tasse Tee trinken.
Erinnern wir uns …
Früher wollten wir schöne Erinnerungen sammeln.
Heute versuchen viele nur noch, den Tag irgendwie heil zu überstehen.
Wir öffnen morgens unser Handy: eine Todesnachricht.
Wir scrollen weiter: Krieg.
Dann ein Frauenmord.
Danach Bilder von Tierquälerei.
Dann wirtschaftliche Sorgen, Armut, Hunger, Verzweiflung.
Wie viel Leid kann eine menschliche Seele eigentlich tragen?
Es ist, als hätte sich eine unsichtbare Dunkelheit wie eine schwere Krankheit langsam über die ganze Welt gelegt.
Zuerst über unsere Hoffnung.
Dann über unser Vertrauen.
Dann über unsere Liebe.
Und irgendwann auch über unser Lächeln.
Wir haben das Lachen verlernt.
Dieses ehrliche, sorglose Lachen wie ein Kind.
Manchmal lächelt unser Gesicht noch, aber unsere Augen lächeln nicht mehr mit.
Denn fast jeder von uns trägt unsichtbare Wunden in sich.
Der eine trägt den Schmerz über einen verlorenen Menschen.
Der andere die Angst vor der Zukunft.
Jemand kämpft mit Einsamkeit.
Ein anderer mit der Wut über all die Ungerechtigkeit.
Und manche können die Augen eines Tieres nicht vergessen, das sie nicht retten konnten.
Und irgendwann stellt man sich die Frage:
Wann ist diese Welt so grausam geworden?
Doch vielleicht ist eine andere Frage noch wichtiger:
Wann haben wir angefangen, uns daran zu gewöhnen?
Denn die größte Gefahr ist nicht nur das Böse selbst.
Die größte Gefahr ist, wenn das Böse alltäglich wird.
Wenn uns ein Massaker nicht mehr erschüttert …
Wenn wir die Tötung eines Tieres wie ein kurzes Video ansehen und einfach weiterscrollen …
Wenn der Schrei einer Mutter uns nur für wenige Minuten berührt …
Dann stirbt nicht nur irgendwo auf dieser Welt etwas.
Dann stirbt auch etwas in uns.
Und trotzdem möchte ich nicht glauben, dass die Menschlichkeit vollständig verloren ist.
Denn es gibt sie noch.
Menschen, die einem Fremden helfen, obwohl sie ihn nicht kennen.
Menschen, die einem hungrigen Tier eine Schale Wasser und etwas Futter hinstellen.
Menschen, die für die Zukunft eines Kindes kämpfen, gegen Ungerechtigkeit ihre Stimme erheben und für ein einziges Leben auf Schlaf, Geld und Zeit verzichten.
Vielleicht dreht sich diese Welt nur noch wegen solcher Menschen weiter.
Aber wir dürfen nicht länger schweigen.
Wir müssen uns wieder daran erinnern, was Menschlichkeit bedeutet.
Wir müssen Mitgefühl neu lernen.
Wir müssen den Schmerz anderer wieder wahrnehmen.
Denn Menschsein bedeutet nicht nur zu atmen.
Menschsein bedeutet, ein Gewissen zu haben.
Den Schmerz eines anderen Lebewesens fühlen zu können.
Die Schwachen nicht zu unterdrücken.
Bei Ungerechtigkeit nicht wegzusehen.
Leben zu schützen, statt es zu zerstören.
Zu versuchen zu verstehen, statt zu hassen.
Vielleicht haben wir nach 2020 vieles verloren.
Unser Vertrauen.
Unsere Ruhe.
Geliebte Menschen.
Unsere alte Welt.
Und vielleicht auch einen Teil von uns selbst.
Doch bevor wir alles verlieren, haben wir noch eine Chance:
Uns wieder daran zu erinnern, Mensch zu sein.
Denn nicht allein das Böse führt diese Welt in die Dunkelheit.
Es ist auch das Schweigen der Guten.
Und ich möchte nicht mehr schweigen.
Für einen Menschen.
Für ein Kind.
Für eine Frau.
Für ein Tier.
Für einen Baum.
Für jedes einzelne Leben.
Wir müssen die Stimme unseres Gewissens wieder lauter werden lassen.
Sonst werden wir eines Tages zurückblicken und erkennen, dass wir nicht nur die schönen Zeiten verloren haben.
Wir werden erkennen, dass wir unsere Menschlichkeit verloren haben.
Esma Arslan


